Farbfoto von Paul Ricœur und A. J. Greimas im Gespräch.

Paul Ricœur​s Texthermeneutik

Farbfoto von Paul Ricœur und A. J. Greimas im Gespräch.
Image: Olivier Abel

Ricœur versteht seine Hermeneutik grundsätzlich als Texthermeneutik. Mit seinem Ansatz am Text als Modell setzt er sich bewusst von den Auffassungen der Hermeneutik ab, die das Gespräch als Paradigma wählen. Mit der Option für den Text als hermeneutisches Modell schreibt sich Ricœur in die Tradition der strukturalistischen Semiotik ein, also in der doppelten Nachfolge der Linguistik von de Saussure und der Literaturtheorie der russischen Formalisten. Dieses strukturale Textverständnis vermittelt er mit der Leitfrage der sprachanalytischen Semantik, nämlich mit der Frage nach der Referenz. Damit entsteht die Grundfrage von Ricœurs Texthermeneutik: Wie kann der Text, und insbesondere der fiktionale oder poetische Text, auf etwas außerhalb seiner selbst verweisen, wenn die Spezifizität des literarischen Textes gerade darin besteht, die Referenz auf die Welt jenseits des Textes aufzuheben?

Programmatische Grundzüge Expand entry

An Ricœurs Texthermeneutik ist zweierlei beachtenswert: einerseits ihre umfassende Bezugnahme auf die semiotische Forschung zum Erzähltext, von Propps Arbeiten zum russischen Märchen bis zu denen von Greimas und Brémond, sowie der US-amerikanischen Literaturkritik (N. Frye, E. D. Hirsch, usw.) – andererseits ihre ständige Auseinandersetzung mit der analytischen Philosophie. Ricœur geht die Methodenkonflikte, die sein hermeneutischer Zugriff aufwirft, offensiv an, um genau in diesen Konflikten neue systematische Potentiale zu entdecken. Dazu bringt er Positionen miteinander ins Gespräch, die als unvereinbar betrachtet werden, wie z.B. die strukturalistische Linguistik mit der analytischen Sprachphilosophie oder die semiotische Narratologie mit der Rezeptionsästhetik.

Als Texthermeneutik hat Ricœurs Hermeneutik ihren Mittelpunkt in einer Poetik, d.h. in einer Theorie des literarischen Textes. Diese Poetik hat ihre Grundlage in der Sprachphilosophie, die Ricœur in den 1960er Jahren entwickelt hat. Sie entfaltet sich in einer Theorie, die um die Frage nach der "Welt des Textes" strukturiert ist und zu einer neu formulierten Handlungstheorien führt. Ricœur hat diese Texthermeneutik paradigmatisch an biblischen Texten durchgeführt. Diese biblische Hermeneutik wird von Ricœurs Theorie der religiösen Sprache eingerahmt, die zu einem hermeneutischen Verständnis der Theologie als "discours mixte" ("gemischter Rede") zwischen metaphorischer und spekulativer Rede führt.

Sprachphilosophische Grundlegung Expand entry

Ricœurs in den 1960ern entwickelte Sprachphilosophie bildet das systematische Fundament seiner Hermeneutik. Sie ist Gegenstand einer Anzahl von Aufsätzen, wirklich klar treten aber die Gesamtkonzeption von Ricœurs Sprachphilosophie sowie ihre Funktion für seine Texttheorie nur in seinen sprachphilosophischen Vorlesungen aus den Jahren 1962 bis 1967 zu Tage. Ricœur analysiert in diesem Rahmen die Semantik Freges (mit ihrer Unterscheidung von "Sinn" und "Bedeutung") und entwickelt sein Konzept von Referenz im Rahmen einer Semantik des Sprachgebrauchs (vgl. Wittgenstein, Strawson). Er entfaltet darin auch die ersten Grundlinien seiner Metaphertheorie und findet in den Arbeiten von G. Guillaume zur Grammatik die Grundgedanken, die er in Zeit und Erzählung weiterführen wird.

Ziel der Vorlesungen ist der Übergang von einer Theorie der Sprache ("langue"), die das Subjekt und die Referenz ausklammert, hin zu einer Diskurstheorie ("discours"), die beide Fragen wieder einführt. Dieser Übergang wird durch eine Theorie der Rede ("parole") vermittelt.

Diese Vermittlung macht die Konfrontation einer strukturalen Linguistik mit einer analytischen Sprachphilosophie unausweichlich. Denn: für die strukturalistische Linguistik sind die sprachlichen Zeichen ausschließlich durch den Unterschied zwischen Signifikanten und Signifikat bestimmt. Diese Differenz ist dem Zeichen immanent und schließt jegliche referentielle Dimension aus. Die sprachanalytische Philosophie ist hingegen als Theorie der Bedeutung und der Wahrheit konstruiert; sie bezieht sich auf eben die von der strukturalen Linguistik methodisch ausgeschlossene Dimension. Mit Wittgenstein und Strawson findet Ricœur im Sprachgebrauch einen Weg, zwischen diesen antagonistischen Auffassungen zu vermitteln. Nur wenn Sprache in einer "Diskursinstanz" (Benveniste), d.h. in einem Satz, gebraucht wird, sagt sie etwas über etwas aus. Diese Konfrontation der strukturalen Semiotik und der Semantik in analytischer Tradition führt zu einer quasi transzendentalen Frage: der Frage nach der Möglichkeit von Bedeutung. Ricœurs transzendentale Deutung des Sprachgebrauchs steht insofern dem nah, was etwa zeitgleich Strawson als "deskriptive Metaphysik" entwirft und Stroud unter dem Stichwort "transzendentale Argumente" darstellt und kritisiert.

Die Poetik: Metapher und Narratio Expand entry

Ricœur entwickelt seine Poetik innerhalb einer Theorie der semantischen Innovation, deren zwei komplementäre Aspekte die Metapher und die Erzählung sind. Die Metapher ist die semantische Funktion, welche die literarische Mimesis organisiert; im Mythos, d.h. in der Erzählung wird die metaphorische Mimesis entfaltet. Ricœur spricht entsprechend von der "Verbindung von Mythos und Mimesis", die "das Werk aller Poesie" sei. Ihr Rahmen ist der Diskurs.

Bezieht man Metapher und Erzählung auf die von Frege stammende Dichotomie zwischen Sinn und Referenz (Bedeutung), entsteht eine Reihe von vertrackten systematischen Fragen. Im für Ricœur paradigmatischen Fall der semantischen Innovation, der "lebendigen Metapher", ist nämlich sowohl der Sinn als auch die Referenz problematisch. Da es sich um eine semantische Innovation handelt, kann einerseits die Frage nach deren Sinn nicht durch den Rückgriff auf lexikalische Ressourcen gelöst werden (hierin wird der Unterschied zwischen Ricœurs und Blumenbergs Theorie der Metapher schlagartig deutlich, insofern Blumenberg seine Metaphorologie als Ergänzung zur Begriffsgeschichte konzipiert). Indem die Metapher andrerseits die direkte Referenz aufhebt, die den üblichen Gebrauch der Sprache regelt, problematisiert sie auch die Fähigkeit der Sprache, Referenzialität herzustellen.

Ricœur schlägt vor, beide Schwierigkeiten durch den Rekurs auf eine Texttheorie zu lösen. Zum einen ist jede literarische Metapher in einen Textzusammenhang eingebettet. Dieser Kontext ermöglicht es, im Akt der Lektüre ein "Netz von Interaktionen" zu konstruieren, innerhalb dessen die Metapher gedeutet werden kann. Zum anderen entwirft jeder Text eine mögliche Welt, die "Welt des Textes", und schildert damit mögliche Weisen der Weltorientierung: "Die Texte sprechen von möglichen Welten und von möglichen Weisen, sich in der Welt zu orientieren", stellt Ricœur fest. Die Frage nach der Referenz des literarischen Textes, die bekanntlich bei Frege keine zufriedenstellende Antwort fand, kann also als die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Welt des Textes als möglicher Welt und der Welt des Lesers umformuliert werden.

Zur Beantwortung dieser Frage griff Ricœur in Die lebendige Metapher (1975) zuerst auf den Gedanken einer doppelten Referenz zurück, den er in Jakobsons Arbeiten zur Metapher fand. Diese Idee verband er mit den semantischen Analysen der Metapher, die Wittgensteins Nachfolger vorgeschlagen hatten, sowie mit Goodmans Theorie der verallgemeinerten Denotation. Die "semantische Ausrichtung" der Metapher "reißt" den Sinn, der in seinem "ursprünglichen Referenzfeld" konstituiert wurde, aus diesem "heraus" und "projiziert" ihn in ein "neues Referenzfeld"; "die metaphorische Aussage" lässt plötzlich "ein unbekanntes Referenzfeld zur Sprache kommen". Dieses Konzept übertrug er auch auf den literarischen Text als Ganzes. Ein literarischer Text beschreibt die Wirklichkeit neu. Diese Beschreibung kann von Seelenzuständen (Lyrik) oder Aspekten der Welt der Praxis (Erzählung) handeln. Die Fiktion hat insofern heuristische Funktion: Sie lässt neue Weisen des "Fühlens" oder neue Möglichkeiten des Handelns erscheinen.

Text und Handlung Expand entry

Diese Auffassung erschien Ricœur bald als nicht mehr zufriedenstellend. In Zeit und Erzählung 3 ersetzt Ricœur die Begriffe der Beschreibung und der Referenz durch die der Konfiguration und der Refiguration, deren Matrix durch die dreifache Mimesis gegeben ist (vgl. Zeit und Erzählung 1). Für Ricœur stehen bei dieser mehr als bloß terminologischen Änderung drei Fragen auf dem Spiel: die Vorbehalte gegen das Primat der extensionalen Logik, die Infragestellung einer Korrespondenztheorie der Wahrheit, die mit dieser Logik verbunden ist, und die Rolle, die dem Leser im Akt des Lesens zukommt. In diesem Akt eignet sich nämlich der Leser durch den Text neue Möglichkeiten des Welt- und Selbstverständnisses an. "Die Lektüre wird zur Herausforderung, anders zu sein und zu handeln". Indem der Leser diese neuen Möglichkeiten auf sein alltägliches Weltverständnis bezieht, tun sich ihm neue Handlungsmöglichkeiten auf. Deren Umsetzung im praktischen Vollzug verleiht der möglichen Welt des Textes extratextuelle Realität. Die Vollendung dieses von Ricœur so genannten Refigurationprozesses der Lektüre findet deshalb "jenseits des Lesens" statt, nämlich in einem "wirksamen Handeln", das "durch die Werke belehrt" ist.

Diese "praxisorientierte" Auffassung der Bedeutung ist ein Grundmerkmal von Ricœurs Hermeneutik. Sie geht mit einem Philosophieverständnis einher, nach dem das Handeln den Kern des In-der-Welt-Seins bildet, und so zur Leitkategorie einer Theorie der Lebenswelt wird. Texttheorie und Handlungstheorie verweisen demnach aufeinander: Der Text ist ein "Paradigma" menschlicher Handlung; die Handlung ist der "Referent" der Erzähltexte. Dies bleibt für die Handlungstheorie nicht folgenlos. Das narrative Modell liefert die notwendigen logischen Operatoren für die Beschreibung von Handlungen, die komplexer sind als die von der analytischen Handlungstheorie bevorzugten. Mit dem Modell der narrativen Identität bietet dazu die Erzähltheorie eine poetologische Antwort auf die Aporien der Handlungszuschreibung.