Blick auf Jena

Offener Brief an den Stadtrat der Stadt Jena

Über die Statue des Philosophen Jacob Friedrich Fries in der Ehrengalerie
Blick auf Jena
Image: Christoph Worsch (University of Jena)

Sehr geehrte Damen und Herren,


als Professor*innen der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist es uns wichtig, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem die Ablehnung von Antisemitismus, Bestreitung des Lebensrechts von Behinderten und psychisch Kranken und Rassismus klar zum Ausdruck gebracht wird. Alle diese Ideologien zielen auf die Beseitigung von Menschengruppen und tragen deshalb die Androhung oder gar die Praxis der Vertreibung und des Mordens in sich. 


Anlässlich des 9.November 2022 bitten wir den Rat der Stadt Jena nach den langen Diskussionen nun endlich etwas in Bezug auf die Statue des Philosophen Jacob Friedrich Fries in der Ehrengalerie  „via triumphalis“ zu unternehmen. Die Statue steht noch unkommentiert in der Nähe der Gebäude der Universität, obwohl sie eigentlich in einer Ehrengalerie, die Vorbilder zeigen soll, keinen Platz hat, denn:


Jacob Friedrich Fries zeigte sich vor allem in seiner Schrift „Über die Gefährdung des deutschen Wohlstandes und Charakters durch die Juden“ (1816) klar als Antisemit. Von der Verweigerung des Bürgerrechts für die angeblich nicht zur „deutschen Volksgemeinschaft“ (S. 3) gehörigen Juden bis zur Forderung einer öffentlichen Kennzeichnung der Juden an der Kleidung, einer  „Ausrottung des Judentums“ (S. 10) und der Bezeichnung der „Judenschaft als Völkerkrankheit“ (S.10) finden sich bei Fries alle Merkmale des um 1800  als nationalistische Reaktion gegen die Judenemanzipation entstehenden modernen Antisemitismus. Auch ohne ausgebildete Rassenlehre ist die Rhetorik bereits genozidal: „Die Judenschaft [nach Grimms Wörterbuch bedeutet dieses Wort das Volk der Juden] ist ein Ueberbleibsel aus einer ungebildeten Vorzeit, welches man nicht beschränken, sondern ganz ausrotten soll.“ (S. 10) „Denkt nur ihr Schicksal in Spanien, wie es dort allem Volke zur Freude wurde, sie zu tausenden auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu sehen“ (S. 11). „So hat die Judenkaste, wo sie zugelassen wird, auf das ganze Volk, oben wie unten, auf hohe wie niedere eine fürchterliche demoralisierende Kraft. Das ist also das wichtigste Moment in dieser Sache, dass diese Kaste mit Stumpf und Stiel ausgerottet werde“ (S. 18). 


Schließlich argumentiert Fries in seiner Hetzschrift mit der angeblichen wirtschaftlichen Ausbeutung der christlichen Völker durch die Juden, der Verschwörungstheorie, die Juden strebten die Weltherrschaft an oder auch mit abwertenden Stereotypen wie der sich in der Physiognomie zeigenden Verschlagenheit, Arbeitsscheu, Schmutzigkeit und „Prellsucht“ (alles S. 10) der Juden, die mit Recht vom gemeinen Volk als „Volksverderber und Brotdiebe“ (S. 11) gesehen würden. Juden sind für Fries Sündenböcke, die an Krankheiten deutscher Soldaten in den Befreiungskriegen und am Hunger in den Dörfern schuldig seien (S. 11). Auch die Abwertung der hebräischen Bibel treibt Fries sehr weit. „Wo hat ein anderes Volk auf einer ähnlichen Bildungsstufe solche elende, für die Dichtung bedeutungslose, heilige Geschichten, die überall mit angerühmten Diebereien durchwirkt sind?“ 
Es nützt bei diesen Vorwürfen wenig, dass Fries anders als die Nationalsozialisten den Juden den Ausweg einer Bekehrung zum Christentum anrät, denn dies ist ihm zufolge für Juden die einzige Möglichkeit, in Deutschland zu leben, in dem für Juden als Juden kein Platz ist. „Ist nun […] die jüdische Religion zu dulden oder nicht? Wir müssen antworten: [ab jetzt wieder hervorgehoben] sie sollte nicht geduldet werden“ (S. 13) 


Jacob Friedrich Fries hat durch seine zahlreichen Schüler und Anhänger im 19. Jahrhundert stark gewirkt, nicht nur in den Milieus der Burschenschaften. Durch die genozidale Rhetorik und den durchgängigen, massiven Hass, der aus seiner Schrift spricht, setzt Fries sich von den meisten antijüdischen Aussagen des 19. Jahrhunderts ab. Er gehört in die Vorgeschichte des Holokaust – und nicht in die Ehrengalerie von Jena.


Wir bitten die Stadt Jena deshalb, die Statue zu entfernen.

Prof. Dr. Martin Leiner, Theologische Fakultät 
Prof. Dr. Hannes Bezzel, Theologische Fakultät
Prof. Dr. Manuel Vogel, Theologische Fakultät
Prof. Dr. Annette Weinke, Philosophische Fakultät, Historisches Institut
Prof. Dr. Sebastian Henn, Chemisch-Geowissenschaftliche Fakultät
Prof. Dr. Simon Runkel, Chemisch-Geowissenschaftliche Fakultät

Über diese Erstunterzeichner hinaus würden wir uns sehr freuen, wenn möglichst viele Personen den Offenen Brief unterstützen könnten. Eingeladen sind dazu alle Menschen, die als Lehrende, als wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter, als Studierende, als Gastwissenschaftler oder sonst mit der FSU Verbundene den Inhalt und das Anliegen des Textes teilen. Schreiben Sie bitte einfach eine Mail an martin.leiner@uni-jena.de In regelmäßigen Abständen wird die Liste der Unterstützer auf dieser Seite veröffentlicht.