This letter to Hermann Hesse was written on 16 September 1945, the day after Yom Kippur.

Martin-Buber-Forschungsstelle

Eine Kooperation zwischen Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Goethe-Universität Frankfurt am Main und National Library of Israel
This letter to Hermann Hesse was written on 16 September 1945, the day after Yom Kippur.
Image: Martin Buber Archive

Buber als Akteur und Denker der Versöhnung im Spiegel seines Briefwechsels

„Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Martin Buber, Ich und Du

 

Philosoph oder Theologe? Psychologe oder Pädagoge? Verleger, Übersetzer oder politischer Intellektueller? Kunsttheoretiker oder Kulturzionist? Die Person Martin Bubers (1878-1965) ist mit einem Wort nicht zu fassen. Sich selbst bezeichnete er als „atypischen Menschen“, der in keine Schublade passe. Sicher ist, dass Buber zu den bedeutendsten und einflussreichsten Denkern der jüngeren deutsch-jüdischen Kultur- und Geistesgeschichte gehört. Er hinterließ ein enzyklopädisches Werk, dessen Inhalte auch heute noch Aktualität und Anschlussfähigkeit an verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen und alltägliche Lebensbereiche beweisen. Berühmteste Leistung seines Denkens ist die Entwicklung einer dialogischen Philosophie, die auf der Unterscheidung der Grundworte Ich-Du und Ich-Es beruht. Eingebunden in dieses Denken ist das zentrale Lebensthema Bubers „Alles Leben ist Begegnung“, das immer wieder um die verschiedenen Beziehungsverhältnisse des Menschen kreiste.

Nicht zuletzt im Sinne dieses Dialogs wechselte Buber etwa 40.000 Briefe mit rund 5000 Briefpartnern. Bis heute dient der Brief in erster Linie der Kommunikation, der Mitteilung eines Ichs an ein Du, der Nachahmung und Fortsetzung eines zeitversetzten Gesprächs, aber auch der Stabilisierung sozialer Systeme durch deren Produktion und Reproduktion. So ist es kaum verwunderlich, dass wir uns beim Lesen der Buber-Korrespondenzen, nicht nur an deren literarischer Qualität und wissenschaftlichen Inhalte erfreuen, sondern auch für die zwischenmenschlichen Töne interessieren.

Buber, der bis ins hohe Alter hinein fast alle seine Briefe mit der Hand schrieb, hatte zahlreiche promiente Briefpartner*innen, die gemeinsam ein spannendes geisteswissenschaftliches Geflecht enormen Ausmaßes bildeten. Zu ihnen zählten: Gustav Landauer, Lou Andreas-Salomé, Leo Baeck, Max Brod, Albert Einstein, Theodor Herzl, Hermann Hesse, Theodor Heuss, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Franz Rosenzweig, Gershom Scholem, Georg Simmel, Margarete Susman, Chaim Weizmann, Franz Werfel, Stefan Zweig. Diese Namen stehen nur exemplarisch für das kulturgeschichtlich äußerst bedeutsame Netzwerk des Philosophen.

Die Briefe sind bislang größtenteils nur im Martin-Buber-Archiv der National Library of Israel in Jerusalem zugänglich. „Buber-Korrespondenzen Digital“ – ein auf 24 Jahre angelegtes Editionsprojekt der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur – wird aber Bubers weltumspannenden Briefwechsel digital zugänglich machen und einen sorgfältig ausgewählten Teil der Briefquellen transkribieren, der dann mit einem historisch-kritischen Kommentar versehen werden soll. Die Stelle ist eine Kooperation zwischen Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Goethe-Universität Frankfurt am Main und das National Library of Israel.

https://www.adwmainz.de/projekte/buber-korrespondenzen-digital/informationen.html

https://www.uni-jena.de/201126_Buber de 

Eröffnung der Martin-Buber-Forschungsstelle

Die Eröffnungsfeier der Martin-Buber-Forschungsstelle unter Beteiligung der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität, insbesondere des Jena Centre for Reconciliation Studies, und des Buber-Rosenzweig-Instituts der Goethe-Universität Frankfurt (Main) fand am 27.10.2022 im Universitätshauptgebäude der FSU statt. Gefeiert wurde der Beginn des von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur geförderten Projektes „Buber-Korrespondenzen Digital“, welches das Ziel einer digitalen Korrespondenzedition der Briefwechsel Martin-Bubers verfolgt, sowie die damit verknüpfte Gründung der Martin-Buber-Forschungsstelle an der FSU. Strukturell bestand die Eröffnungsfeier aus einer ersten thematischen wissenschaftlichen Tagung am Vormittag und dem eigentlichen öffentlichen Festakt am Nachmittag. 

Zunächst wurde sich vormittags im Senatssaal der Universität in einer einleitenden kleinen Tagung dem Thema jüdischer Bibelübersetzungen auf Deutsch gewidmet. In kurzen Eröffnungen sprachen die Projektleiter des Akademieprojektes, Prof. Martin Leiner vom JCRS (FSU Jena) und Prof. Christian Wiese vom Buber-Rosenzweig-Institut (Goethe-Universität Frankfurt am Main), über die Entstehungsgeschichte des Forschungsvorhabens sowie die systematische und aktuelle Relevanz des Projektes. Beide hoben die Wichtigkeit Martin Bubers für den jüdisch-deutschen Dialog der Vor- und Nachkriegszeit hervor und betonten die wissenschaftliche und gesellschaftliche Strahlkraft des Projektes in Anbetracht eines aktuell wieder erstarkenden Antisemitismus und Rechtsextremismus in Deutschland. Im Anschluss sprach Prof. Claudius Geisler, der Vertreter der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur, allgemein über die Vergabeverfahren und Förderungsmodalitäten der Akademieprojekte und beglückwünschte alle Beteiligten zur erlangten maximalen Förderung eines 24 Jahre laufenden Projektes. 

Inhaltlich wurde die Tagung von Prof. Hannes Bezzel (Jena) mit einem Vortrag zu Bibelübersetzungen und -kommentar in der „Wiener Haskala“ eröffnet. Bezzel zeigte dabei, wie sich die Tradition deutscher Bibelübersetzungen im Ausgang von Moses Mendelsohn als Instrument der Integrationsbestrebungen eines aufgeklärten Judentums entwickelte. Besonders wurde auf die Veränderung im Verhältnis von Kommentar und Übersetzungstext hingewiesen. Im nachfolgenden Vortrag sprach Dr. Inka Sauter (Frankfurt) über die historische Semantik der Buber-Rosenzweig Bibel. Hierbei rekonstruierte sie einerseits die Genese des Vorhabens einer Bibelübersetzung aus dem Briefwechsel von Rosenzweig und Buber und stellte selbiges Vorhaben andererseits in den Kontext expliziter sprachtheoretischer und -politischer Überlegungen der Autoren. 

Nach einer kurzen Pause folgte ein interaktiver Workshop von apl. Prof. Peter Stein (Jena), der in die Schwierigkeiten und Grenzen von Übersetzungen der jüdischen Bibel einführte. Dabei wurde besonders die Mehrdeutigkeit des Hebräischen als Übersetzungsaufgabe thematisiert. Die Tagung wurde durch einen Vortrag von Prof. Abigail Gilman (Boston) beschlossen, die einen vertiefenden Einblick in die Geschichte und gesellschaftliche Rolle jüdisch-deutscher Bibelübersetzungen gewährte.

Im Anschluss folgte eine längere Mittagspause, nach welcher der nachmittägliche Festakt zur Eröffnung der Forschungsstelle eingeläutet wurde. Dieser wurde musikalisch vom Trio Divertimento aus Jena begleitet. Der Festakt fand in der Aula des Universitätshauptgebäudes statt. Im geräumigen Saal begannen zunächst – nach einigen einleitenden Worten von Prof. Leiner – Dr. Susan Baumert (Jena) und Dr. Francesco Ferrari (Jena) mit der inhaltlichen und methodischen Vorstellung des Akademieprojektes „Buber-Korrespondenzen Digital“. Dr. Susan Baumert konkretisierte das geplante Vorgehen des Projektes im Rahmen der Methoden digitaler Humanwissenschaft und zeichnete die Auswahl- und Differenzierungskriterien der Briefeditionen nach. Dr. Francesco Ferrari demonstrierte dann exemplarisch das zukünftige Vorhaben, Versöhnungsaspekte innerhalb der Buber-Korrespondenzen aufzudecken und zu untersuchen, anhand einiger spezifischer Briefe aus Bubers Nachlass. 

Nach einer kurzen Sekt- und Kaffeepause wurde der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow begrüßt, der in seiner Ansprache auf die politische Wichtigkeit des Denkers Martin Buber als Theoretiker der Verständigung im derzeitigen politischen Klima verwies. Es folgten Grußworte des Präsidenten der FSU Prof. Walther Rosenthal, des Dekans der Theologischen Fakultät Prof. Christopher Spehr, des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein, des Evangelischen Landesbischofs Friedrich Kramer sowie von Dr. Stefan Litt von der National Library of Israel. Zuletzt wurde die Eröffnungsfeier durch einen Festvortrag des Buber-Forschers und –Biographen Prof. Dominique Bourel (Paris) beschlossen. Dieser führte das Publikum durch die zentralen Stationen und Ereignisse im Leben Martin Bubers und verdeutlichte so die biographische Genese seines facettenreichen Denkens. 

Abschließend konnten Publikum und Organisatoren die gesammelten Eindrücke noch bei Sekt und festlichem Buffet besprechen und den Tag ausklingen lassen. 

PROGRAMME

KLEINE TAGUNG ZU JÜDISCHEN BIBELÜBERSETZUNGEN AUF DEUTSCH
Senatssaal der FSU, Fürstengraben 1

09:30 - Begrüßungen:      Prof. Dr. Claudius Geisler
            Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz

            Prof. Dr. Martin Leiner   
            Friedrich-Schiller-Universität Jena

            Prof. Dr. Christian Wiese
            Goethe Universität Frankfurt

10:00 - Vortrag:     Bibelübersetzung und -kommentar in der "Wiener Haskala"
            Prof. Dr. Hannes Bezzel       
            Friedrich-Schiller-Universität Jena

10:30 - Vortrag:     Verdeutschung. Zur historischen Semantik der Buber-Rosenzweig-Bibel
            Dr. Inka Sauter       
            Goethe Universität Frankfurt

11:15 - Workshop:     Bibelübersetzungen im Vergleich
            apl. Prof. Dr. Peter Stein
            Friedrich-Schiller-Universität Jena

12:00 - Vortrag:        A History of German Jewish Bible Translation 
            Prof. Dr. Abigail Gilman   
            Boston University


FEIERLICHE ERÖFFNUNG DER MARTIN BUBER FORSCHUNGSSTELLE
Aula der FSU, Fürstengraben 1

14:00 - Festmusik und Vorstellung des Projekts:

           Trio Divertimento

            Dr. Susan Baumert
            Friedrich-Schiller-Universität Jena

            Dr. Francesco Ferrari
            Friedrich-Schiller-Universität Jena
                                   
15:30 - Ansprache:    Bodo Ramelow
            Ministerpräsident des Freistaats Thüringen

16:00 - Grußworte:     Prof. Dr. Walter Rosenthal   
            Präsident, Friedrich-Schiller-Universität Jena
                                          
            Prof. Dr. Christopher Spehr   
            Dekan, Friedrich-Schiller-Universität Jena

            Dr. Felix Klein   
            Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus

            Dr. Stefan Litt   
            Humanities Collection Curator, National Library of Israel
                                   
            Friedrich Kramer
            Evangelischer Landesbischof, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland
                                   
17:00 - Festvortrag:    Martin Buber: Von Wien nach Jerusalem. Ein Leben in Briefen
            Prof. Dr. Dominique Bourel
            Sorbonne Université Paris

Die „Martin-Buber-Forschungsstelle“ ist Teil des Jena Center for Reconciliation Studies (JCRS), das an der theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena angesiedelt ist. Die Forschungsstelle möchte Buber als Akteur und Denker der Versöhnung im Spiegel seines Briefwechsels in den Vordergrund ihrer Aktivitäten stellen. Die Forschungsstelle ist ein Kristallisationskern für internationale Tagungen, Veröffentlichungen, und weitere Forschungsprojekte. Sie bringt Doktorand*innen und Gastwissenschaftler*innen nach Jena, so dass die Universität zu einem weltweit führenden Zentrum der Buber-Forschung werden kann. 

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns bei diesem freudigen Anlass mit Ihrer Anwesenheit beehren.

 

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Martin Leiner

Dr. Francesco Ferrari

Dr. Susan Baumert