Paul Ricœur

Ricœur in Jena

Paul Ricœur
Image: FSU Jena

Der französische Philosoph Paul Ricœur (1913-2005) ist einer der wichtigsten Vertreter der Hermeneutik in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts. Nach der Zulassung für das Lehramt an Gymnasien und an der Universität (der „Agrégation“) in Philosophie 1935 unterrichtet er im Lycée und nimmt an den „Freitagen“ des christlichen Existentialisten und Dramatikers Gabriel Marcel teil. 1939 wird er in die Armee eingezogen und gerät 1940 in Kriegsgefangenschaft in Vorpommern. Im Gefangenenlager übersetzt er die „Ideen I“ von Husserl und arbeitet an einer breit angelegten „Philosophie des Willens“. Ein handschriftlicher Entwurf wird heute im Archiv des Fonds Ricœur verwahrt. Den ersten Band, „Das Willentliche und das Unwillentliche“, reicht er 1950 als „Thèse principale“ für das „Doctorat d’État“ ein.

Nach dem Krieg unterrichtet Ricœur zunächst am „Collège cévenol“ in Chambon-sur-Lignon, einem Dorf, in dem während der deutschen Besatzung viele jüdische Kinder von der mehrheitlich protestantischen Bevölkerung versteckt worden waren. 1948 wird er nach Straßburg als Philosophieprofessor berufen, 1957 wechselt er an die Sorbonne nach Paris. 1965 nimmt Ricoeur an der Gründung der Universität Nanterre teil, an die er auch Emmanuel Levinas berufen lässt. Ab 1970 unterrichtet er an der Universität Chicago als Nachfolger des berühmten deutsch-amerikanischen Theologen Paul Tillich, ohne die Stelle in Nanterre aufzugeben. 1986 wird er nach Edinburgh eingeladen, um die „Gifford Lectures“ zu halten, die er im selben Jahr in München als „Schelling-Vorlesungen“ wiederholt. Aus diesem Vortragszyklus erwächst bis 1990 „Soi-même comme un autre“ (dt : „Das Selbst als ein Anderer“), sein philosophisches Hauptwerk.

Seit dem Erscheinen von „Temps et récit“ (dt : „Zeit und Erzählung“) zwischen 1983 und 1985 wächst die nationale und internationale Anerkennung von Ricœur, dem zahlreiche Preise und Titel verliehen werden. Er stirbt am 20. Mai 2005 in seinem Haus in Châtenay-Malabris bei Paris.

Zeitlebens war Ricœur ein engagierter Christ, der den Problemen der biblischen Hermeneutik und der Religion wichtige Arbeiten gewidmet hat, auch wenn er immer streng darauf geachtet hat, die Gattungen nicht zu vermengen und seine philosophischen Überlegungen von jeder Form biblischer und gläubiger Einsprengsel freizuhalten. Politisch engagierte sich Ricœur früh als kritischer Kommentator, aber auch als Berater und Ideengeber im Sinne der „zweiten Linken“ seines Freundes Michel Rocard (1930-2016; Premierminister von 1988-1991). Er spielte über 50 Jahren hinweg eine maßgebliche Rolle in der Redaktion der Zeitschrift „Esprit“. Seine Arbeitsbibliothek und sein Archiv werden im Fonds Ricœur am Institut Protestant de Théologie in Paris aufbewahrt und für die Forschung zugänglich.

 

Ricœur entwickelt seine Hermeneutik ab den späten 1950er Jahren, zuerst im Rahmen seiner Philosophie des Willens. Dort wird er auf die Kluft aufmerksam, die zwischen der Möglichkeit und der Wirklichkeit des Bösen besteht. Als fehlbar ist der Mensch immer in Gefahr, das Böse zu tun. Aber aus der Fehlbarkeit des Menschen lässt sich nur die Möglichkeit des Bösen ableiten, nicht dessen Wirklichkeit. Der schuldige Mensch kann nicht vom fehlbaren Menschen begrifflich deduziert werden. Das Wirklichwerden des Bösen ist und bleibt ein Mysterium. Deswegen lässt sich der Ursprung des Bösen nur symbolisch in mythischer Form darstellen. Ricœurs Mythosbegriff ist von M. Eliade beeinflusst, dessen Kollege und Freund er später in Chicago wurde. Auch wenn der Mensch nicht erklären kann, wie das Böse wirklich wurde, kommt er nicht umhin, anzuerkennen, dass er Böses getan hat. Das Böse, das er getan hat, muss er anerkennen, auch wenn er nicht erklären kann, wieso er dieses Böse getan hat und zugleich wahrhaftig zusichert, keine Absicht gehabt zu haben, Böses zu tun. Mythologisch gesprochen: nur der Teufel tut das Böse um des Bösen willen.

Schnell wird sich aber Ricœur dessen bewusst, dass das durch die Wirklichkeit des Bösen angezeigte Problem eine Grundstruktur des menschlichen Daseins aufdeckt. Nicht bloß die böse Tat erscheint demjenigen, der sie getan hat, als etwas, in dem er sich selbst nur verfremdet erkennen kann. Das gilt vielmehr für alle Werke und Handlungen des Menschen, und entsprechend für seine eigene Identität. Insofern kann der Mensch immer nur indirekt, durch kulturell tradierte Symbole, sich selbst erkennen und sein eigenes Tun deuten. In ihrer ersten Phase versteht sich entsprechend Ricœurs Hermeneutik als Symbolhermeneutik. Diese erste Phase von Ricœurs Hermeneutik findet ihren Höhenpunkt und zugleich ihre Abschlussgestalt in einer systematisch angelegten Freuddeutung, die Ricœur 1965 unter dem an Aristoteles angelehnten Titel „De l’interprétation“ veröffentlicht (dt: „Die Interpretation. Ein Versuch über Freud“, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1969).

Parallel zu seinem Freudbuch widmet sich Ricœur intensiv dem Studium der Sprachwissenschaft und der Sprachphilosophie, die zwischen 1962-1967 Gegenstand einer Reihe von Vorlesungen werden. In diesem Zusammenhang wird ihm das Unzureichende des Symbolbegriffs bewusst. Deswegen überführt er spätestens in der Vorlesung von 1964-65 den Symbolbegriff in eine semantische Theorie der Metapher, für die er wesentliche Impulse in den Arbeiten von A.J. Greimas und R. Jakobson zur strukturalistischen Semantik findet. Mit dem von Jakobson geprägten Begriff des metaphorischen Prozesses findet Ricœur im Phänomen der Metapher als semantische Innovation die Matrix einer Poetik, d.h. einer Theorie des literarischen Textes. Damit verlagert sich das Paradigma von Ricœurs Hermeneutik vom Symbolbegriff zu einem sprach- und metaphertheoretisch fundierten Textbegriff. Erst als Texthermeneutik erreicht Ricœurs Hermeneutik ihre klassische Gestalt. Diese Texthermeneutik entfaltet Ricœur in drei systematischen Werken: „La métaphore vive“ (1975: dt. Teilübersetzung: „Die lebendige Metapher“, München, Fink, 1986), „Temps et récit“ (3 Bde 1983-1985; dt. „Zeit und Erzählung, München, Fink, 1987-1991) und „Soi-même comme un autre“ (1990; dt: „Das Selbst als ein Anderer“, München, Fink, 2005) sowie in einer Reihe von Aufsätzen, die er 1986 unter dem Titel „Du texte à l’action. Essais d’herméneutique 2“ (nicht in deutscher Übersetzung erschienen) zusammenstellt.

Ricœurs Textbegriff ist maßgeblich durch die strukturalistische und semiotische Texttheorie geprägt. Ein Text ist ein sprachliches Gebilde, dessen Aufbau regelgeleitet ist. Diese Regeln konstituieren die Tiefenstrukturen von Texten und definieren die Gattung, zu der ein bestimmter Text gehört: ein Gedicht, eine Erzählung, ein Roman, eine Tragödie, ein Essay, usw. Solche Regeln liegen sowohl der Produktion als auch der Deutung von Texten zugrunde. Mit diesem sowohl präzisen als auch reichen Textbegriff kann Ricœur die unter Berufung auf Gadamer und Dilthey stereotyp behaupteten Entgegensetzungen von Wahrheit und Methode sowie von Verstehen und Erklären überwinden. Ricoeurs Formel lautet: „Mehr erklären, um besser zu verstehen“: „Expliquer plus, pour mieux comprendre“. Gerade in der Methode der Texterklärung findet er den Weg zum Verständnis, also zur Wahrheit des Textes als Kunstwerkes. Als geschlossenes Sprachgebilde entfaltet ein Text eine Welt, die „Welt des Textes“; Aufgabe der Erklärung ist es, diese Welt zu rekonstruieren. Einen Text verstehen bedeutet dann, die Welt des Textes mit der Welt des Lesers in einen Zusammenhang zu bringen, so dass der Leser sich fragen kann, ob und inwiefern er sich die Sicht der Welt, die der Text bezeugt, zu eigen machen kann, also die Wahrheit des Textes anerkennt.

Damit gelingt es Ricœur, die Fragen der philosophischen Hermeneutik als Daseinshermeneutik an die Fragen der Texthermeneutik als Theorie der Textinterpretation systematisch zurückzubinden und auf diese Weise die Daseinshermeneutik methodisch kontrolliert neu als Hermeneutik des Selbst durchzuführen. Das ist die Hauptaufgabe von „Soi-même comme un autre“ (dt. „Das Selbst als ein Anderer“). Dieses Selbst ist wesentlich ein Selbst, das handelt und leidet. Insofern ist die Frage nach dem Selbst von einem vertieften Handlungsverständnis untrennbar. Den Schlüssel dazu findet Ricœur in einer erzähltheoretisch fundierten Handlungstheorie. Ricœur zeigt, wie der Text zum Paradigma für die Handlung dienen kann und wie erst in der Erzählung die komplexe Struktur der Handlung angemessen aufgeschlüsselt wird. In diesem Zusammenhang spielt die Semiotik von Greimas und ihr „Aktantenmodell“ („schéma actantiel“) eine grundlegende Rolle.

Diese fundierende Rolle der Erzähltheorie zeigt sich auch in der Antwort, die Ricœur der Frage nach der personalen Identität gibt. Die Identität des Selbst versteht Ricœur als narrative Identität. Dank seines im Gespräch mit der Narratologie ausgearbeiteten Verständnisses der Erzählung vermag er aber ein sehr differenziertes Verständnis der narrativen Identität zu formulieren, wodurch seine Auffassung sich von den Theorieansätzen von Ch. Taylor und A. MacIntyre deutlich unterscheidet.

Darüber hinaus zeigt Ricœur im Anschluss an die analytische Geschichtsphilosophie (A. Danto, W.B. Gallie, L. Mink, usw.), dass die Logik der Erzählung eine Alternative zum nomologischen Modell der Erklärung darstellt, welche der Praxis des Historikers besser gerecht wird. Damit wird der Gegensatz zwischen Erklären und Verstehen auch in der Geschichtstheorie überwunden, d.h. in dem Fach, das für Dilthey paradigmatisch für die Geisteswissenschaften stand und nach einer spezifischen Theorie des Verstehens verlangte. Auch in der Theorie des Imaginären findet Ricœur neue Einsichten, die sich wesentlich seiner Texthermeneutik verdanken („Lectures on Ideology and Utopia“, 1976; die Edition der Vorlesung zur Imagination wird vorbereitet).

Das Modell des Textes erweist sich insofern als fähig, eine einheitliche Grundlage für eine Neuformulierung der Hermeneutik bereitzustellen, die an den heutigen Debatten in den Sprachwissenschaften, in der Literaturtheorie, aber auch in der analytisch orientierten Philosophie Anschluss finden kann. Eine Darstellung der Hermeneutik Ricœurs, die diese Vielfalt an Aspekten systematisch rekonstruiert, ist heute ein dringendes Desiderat der Forschung.

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Ab 1953 sind von Paul Ricœur zahlreiche Aufsätze und Interviews auf Deutsch erschienen.

Texthermeneutik Show content

Seit Mitte der 1960er Jahre entwickelte Ricœur in kritischer Auseinandersetzung mit den Auffassungen Gadamers und Heideggers, aber auch Merleau-Pontys eine Hermeneutik des literarischen Textes.

Narrative Identität-Gedächtnis-Versöhnung Show content

Ricœurs Hermeneutik stellt der Versöhnungsforschung wertvolle Paradigmen zur Verfügung. Sie sollen anhand der Triade Identität, Gedächtnis, Versöhnung kurz dargestellt werden. Vorher sollen aber kurz das Programm der Versöhnungsforschung geschildert werden...

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